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Extrem resistente Bakterien breiten sich aus: Neue Studie belegt Wirkung von Senfölen gegen hartnäckige Erreger von Blasenentzündungen

categories Allergie, Allgemein, Altenpflege/Pflegeeinrichtungen, Apotheke, Blut, Dermatologie, Erkältung, Ernährung, Ernährung/Nahrungsergänzung, Forschung, Frauen, Gesundheit und Reisen, Grippe, Immunsystem, Infektologie, Männer, Naturmedizin   22. Juni 2020    

Extrem resistente Bakterien stellen Ärzte und Wissenschaftler zunehmend vor große Herausforderungen. In Europa sterben 33.000 Menschen pro Jahr an Infektionen mit sogenannten multiresistenten Keimen[1]. Darunter versteht man Bakterien, die gegenüber vielen herkömmlichen Antibiotika unempfindlich geworden sind und mit diesen Medikamenten nicht mehr bekämpft werden können. Die Anzahl an Todesfällen, die sich auf eine Infektion mit solchen Erregern zurückführen lassen, hat sich zwischen 2007 und 2015 in Europa mehr als versechsfacht[2].

Um der Ausbreitung resistenter Keime entgegenzuwirken, fordern Experten daher seit vielen Jahren, bei einfachen Infektionen wie Blasenentzündungen oder Erkältungskrankheiten statt Antibiotika bevorzugt bewährte und antibakteriell wirksame Pflanzenstoffe wie die Senföle aus Kapuzinerkresse und Meerrettich einzusetzen[3]. Eine neue Studie von Wissenschaftlern aus Taiwan hat jetzt gezeigt, dass das in Kapuzinerkresse enthaltene Benzylsenföl sogar gegen multiresistente E. coli wirkt4]. Dieser Keim gilt als Hauptauslöser von Blasenentzündungen, gegen den viele gängige Antibiotika schon Resistenzen gebildet haben[5]. Bereits frühere Laborstudien der Universität Freiburg[6,7] sowie mehrere internationale Forschungsarbeiten[8-13] belegen das breite antibakterielle Wirkspektrum der Senföle gegenüber zahlreichen Krankheitserregern, darunter auch multiresistente E. coli. „Der Einsatz der pflanzlichen Senföle kann daher einen Beitrag zur Entschärfung der Resistenzproblematik leisten“, sagt Prof. Frank Günther, Marburg. Auf diese Weise könne der Antibiotikagebrauch reduziert und damit der Resistenzdruck verringert werden, so der Facharzt für Mikrobiologie weiter.

Resistente Bakterien stellen weltweit ein wachsendes Problem dar. Eine For-schergruppe des Universitätsklinikums Freiburg hat in einer 2019 in der Fachzeitschrift „Nature Microbiology“ veröffentlichten Untersuchung[14] aufgezeigt, dass sich solche gefährlichen Keime vor allem auch über Krankenhäuser verbreiten. Eine besondere Gefahr geht dabei von dem Bakterium Klebsiella pneumoniae aus.

Der Erreger ist ein weit verbreiteter Auslöser von Krankenhausinfektionen. Darunter versteht man Infektionen, die während eines Aufenthalts oder einer Behandlung in einem Krankenhaus auftreten. Auf Intensivstationen in Europa gehört Klebsiella pneumoniae zu den drei häufigsten Erregern von Harnwegsinfektionen, Lungenentzündungen und sogenannten Blutstrominfektionen, einer häufig tödlich verlaufenden Sepsis[15]. Infolge des übermäßigen Antibiotikaeinsatzes sind diese Keime meist gegen mehrere Antibiotika resistent[15]. Demgemäß hat auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Krankheitserreger bereits als “dringende Gefahr für die Gesundheit des Menschen” eingestuft[16].
Mangel an neuen antibiotischen Substanzen erfordert neue Therapiestrategien.

Die Neuentwicklung antibiotischer Substanzen kann mit dem Anstieg der Resistenzen nicht Schritt halten. So ist seit den 1980er Jahren keine neue
Klasse von Antibiotika mehr bekannt geworden[17]. Neue Wirkstoffe können
nicht mehr schnell genug entwickelt werden, da es vor allem an den finanziellen Ressourcen mangelt. Denn die Erforschung neuer Antibiotika ist langwierig und kostspielig, zudem sollten neue Subtanzen nur im Notfall eingesetzt werden, wenn die vorhandenen Antibiotika unwirksam sind. Im Rahmen eines kürzlich von der „Initiative Innovative Arzneimittel” – eine öffentlich-private Partnerschaft zwischen der Europäischen Kommission und der pharmazeutischen Industrie – finanzierten Projekts wurde geschätzt, dass das Inverkehrbringen eines neuen Arzneimittels 1 Milliarde Euro kosten könnte[17]. Dies ist mit ein Grund, warum sich viele der großen Pharmafirmen inzwischen aus der Antibiotikaforschung zurückgezogen
haben[18].

Senföle wirken 3fach – gegen Bakterien, Viren und Entzündungen
„Ein Umdenken in der Behandlung von Infektionen ist demzufolge dringend erforderlich“, erklärt Prof. Günther. „So können zum Beispiel bei einfachen Infektionen wie Blasenentzündungen oder Erkältungskrankheiten bevorzugt arzneilich wirksame Pflanzensubstanzen wie die Senföle aus Kapuzinerkresse und Meerrettich eingesetzt werden“, betont der Experte. In diesem Sinne werden in der für Ärzte wichtigen Behandlungsleitlinie „Unkomplizierte Harnwegsinfektionen“ erstmals auch Behandlungsstrategien empfohlen, die auf Antibiotika verzichten[19].

Dazu zählen entzündungshemmende Substanzen, insbesondere aber auch der Einsatz von umfangreich untersuchten pflanzlichen Arzneimittel wie zum Beispiel eine Kombination aus Senfölen von Kapuzinerkresse und Meerrettich. Die Wirksamkeit und Verträglichkeit der Pflanzenkombination in der Therapie von akuten unkomplizierten Infektionen der Harn- und Atemwege ist durch Studien umfassend wissenschaftlich dokumentiert[20-23].

So belegen Laboruntersuchungen der Universität Freiburg[6,7] sowie weitere internationale Forschungsarbeiten[8-13], dass die in den beiden Pflanzen enthaltenen Senföle eine ausgeprägte antibakterielle Wirkung gegenüber einer Vielzahl von Krankheitserregern besitzen. Dazu gehören zum Beispiel auch multiresistente Bakterien wie K. pneumoniae oder E. coli, gegen die viele der chemischsynthetischen Antibiotika immer häufiger wirkungslos sind[24]. Weitere Laboruntersuchungen bestätigen zudem die antivirale[25-27] und entzündungshemmende Wirkung der Senföle[28-36]. „Wegen des umfassenden antiinfektiven Wirkungsprofils der Senföle sowie der passiven Reduktion der Antibiotikaresistenzen sollte die Pflanzenkombination aus Kapuzinerkresse und Meerrettich bei Blasenentzündungen und Erkältungskrankheiten als erfolgsversprechende Therapieoptionen eingesetzt werden“, erläutert Prof. Günther. Zudem werde auf Grund der umfassenden Wirkansätze der Senföle bei Bakterien die Entwicklung möglicher Resistenzmechanismen gegen diese Pflanzensubstanzen deutlich erschwert, resümiert der Mikrobiologe.

Literatur:
1. Cassini A. et al. Attributable deaths and disability-adjusted life-years caused by infections with
antibiotic-resistant bacteria in the EU and the European Economic Area in 2015: a populationlevel
modelling analysis. Lancet Infect Dis 19 (1): 56-66 (2019)
2. „Bakterien mit extrem hoher Antibiotikaresistenz verbreiten sich über Krankenhäuser“. Pressemeldung
des Informationsdienst Wissenschaft (IWD) vom 30.7.2019
3. Konsensus zum interdisziplinären Experten-Roundtable: Synthetische Antibiotika versus pflanzliche
Arzneimittel – Die Therapie akuter und rezidivierender Harnwegsinfektionen, 19.11.2012,
Frankfurt am Main
4. Lin K.H. et al. Synergistic actions of benzylisothiocyanate with ethylenediaminetetraacetic acid and efflux pump inhibitor phenylalanine-arginine β-naphthylamide against multidrug-re-sistant Escherichia coli. Microb Drug Resist. 26 (5): 468-474 (2020)
5. Tandogdu Z. et al. Resistance patterns of nosocomial urinary tract infections in urology depart-ments: 8-year results of the global prevalence of infections in urology study. World J. Urol. 32 (3): 791-801 (2014)
6. Conrad A. et al. Broad spectrum antibacterial activity of a mixture of isothiocyanates from na-sturtium (Tropaeoli majoris herba) and horseradish (Armoraciae rusticanae radix). Drug Res 63 (2): 65–68 (2013)
7. Conrad A. et al. In-vitro-Untersuchungen zur antibakteriellen Wirksamkeit einer Kombination aus Kapuzinerkressekraut (Tropaeoli majoris Herba) und Meerrettichwurzel (Armoraciae rusticanae radix). Drug Res 56 (12): 842-849 (2006)
8. Dufour V. et al. The antibacterial properties of isothiocyanates. Microbiology 161 (Pt 2): 229-243 (2015)
9. Romeo L. et al. An overview of their antimicrobial activity against human infections. Molecules 23 (3): E624 (2018)
10. Aires A. et al. The antimicrobial effects of glucosinolates and their respective enzymatic hydrol-ysis products on bacteria isolated from the human intestinal tract. Journal of applied Microbio-logy 106 (6): 2086-2095 (2009)
11. Borges A. et al. Antibacterial activity and mode of action of selected glucosinolates hydrolysis products against bacterial pathogens. J Food Sci Technol 52 (8): 4737- 4748 (2015)
12. Dias C. et al. Antimicrobial activitiy of isothiocyanates from cruciferous plants against methicillin-resistant Staphylococcus aureus (MRSA). Int. J. Mol. Scji 15 (11): 19552-19561 (2014)
13. Kurepina N. et al. Growth-inhibitory activity of natural and synthetic isothiocyanates against representative human microbial pathogens. J Appl Microbiol 115 (4): 943-954 (2013)
14. David S. et al. Epidemic of carbapenem-resistant Klebsiella pneumoniae in Europe is driven by nosocomial spread. Nat Microbiol 4 (11): 1919–1929 (2019)
15. „Mecklenburg-Vorpommern: Der multiresistente Erreger könnte aus Russland stammen“. Deut-sches Ärzteblatt-online, 29. Oktober 2019
16. “World Health Organization: Klebsiella pneumoniae is an urgent threat to human health.” Mel-dung von Agence France-Press (AFP. 14. Januar 2017)
17. „Bekämpfung der Antibiotikaresistenz: trotz Fortschritten im Tiersektor stellt diese Gesundheitsbe-drohung für die EU nach wie vor eine Herausforderung dar“. Sonderbericht 2019 des Europäi-schen Rechnungshofs / Europäische Union [online]
18. „Multiresistente Erreger – Antibiotikaforschung in den Medien: Es könnte mehr sein!“ Deutsches Ärzteblatt-online, 13. September 2019
19. S3-Leitlinie unkomplizierte Harnwegsinfektion – Update 2017 [Interdisziplinäre S3 Leitlinie „Epide-miologie, Diagnostik, Therapie, Prävention und Management unkomplizierter, bakterieller, am-bulant erworbener Harnwegsinfektionen bei erwachsenen Patienten“, AWMF-Register-Nr. 043/044]
20. Goos K.-H. et al. Wirksamkeit und Verträglichkeit eines pflanzlichen Arzneimittels mit Kapuziner-kressenkraut und Meerrettich bei akuter Sinusitis, akuter Bronchitis und akuter Blasenentzündung im Vergleich zu anderen Therapien unter den Bedingungen der täglichen Praxis. Drug Res 56 (3): 249-257 (2006)
21. Goos K.-H. et al. Aktuelle Untersuchungen und Verträglichkeit eines pflanzlichen Arzneimittels mit Kapuzinerkressenkraut und Meerrettich bei akuter Sinusitis, akuter Bronchitis und akuter Bla-senentzündung bei Kindern im Vergleich zu anderen Antibiotika. Drug Res. 57 (4): 238-246 (2007)
22. Albrecht U. et al. A randomised, double-blind, placebo-controlled trial of a herbal medicinal product containing Tropaeoli majoris herba (Nasturtium) and Armoraciae rusticanae radix (Horseradish) for the prophylactic treatment of patients with chronically recurrent lower urinary tract infections. Curr Med Res Opin 23(10): 2415-2422 (2007)
23. Fintelmann, V. et al. Efficacy and safety of a combination herbal medicinal product containing Tropaeoli majoris herba and Armoriciae rusticanae radix for the prophylactic treatment of pa-tients with respiratory tract diseases: a randomized, prospective, double-blind, placebo-con-trolled phase III trial. Curr Med Res Opin 28, (11): 1799-1807 (2012)
24. “Antimicrobial resistance surveillance in Europe 2015”, World Health Organization (WHO, online. 30. Januar 2017)
25. Pleschka, S. et al., Testing of the antiviral activity of ANGOCIN® Anti-Infekt-N mixture on influenza virus A/Hamburg/01/09 (H1N1v) replication on MDCK-II-cells and A549-cells via Focus- and HA-Assay; Publikation in Vorbereitung
26. Sprössig M., Schabinski-Stepan M. Einfluss des Wirkstoffes aus der Kapuzinerkresse auf die intra-zelluläre Virussynthese. Zeitschr. f. Hygiene 143: 215-222 (1956)
27. Winter A.G., Rings-Willeke L. Untersuchungen über den Einfluss von Senfölen auf die Vermehrung des Influenza-Virus im exembryonierten Hühnerei. Arch Microbiol 31: 311-318 (1958)
28. Herz C. et al. Evaluation of an aqueous extract from horseradish root (Armoracia rusticana radix) gainst lipopolysaccharide-induced cellular inflammation reaction. Evid Based Complement Al-ternat Med 2017: 1950692 (2017)
29. Marzocco A. et al. Anti-inflammatory activity of horseradisch (Armoracia rusticana) root ex-tracts in LPS-stimulated macrophages. Food Func. 6 (12): 3778-3788 (2015)
30. Dey M. et al. In-vitro and in-vivo anti-Inflammatory activity of a seed preparation containing phenethylisothiocyanate. J Pharmacol Exp Ther 317(1): 326-333 (2006)
31. Tsai J.-T. et al. Suppression of inflammatory mediators by cruciferous vegetable-derives indole-3-carbinole and phenylethylisothiocyanate in lipopolysaccharide-activated macrophages. Mediators Inflamm 2010: 293642 (2010)
32. Boyanapalli S.S. et al. Nrf2 knockout attenuates the anti-Inflammatory effects of phenethylIsothi-ocyanate and curcumin. Chem Res Toxicol. 27 (12): 2036–2043 (2014)
33. Cheung K.L. et al. Synergistic effect of combination of phenethylisothiocyanate and sul-foraphane or curcumin and sulforaphane in the inhibition of inflammation. Pharm Res 26 (1): 224–231(2009)
34. Tran H.H.T. et al. Nasturtium (Indian cress, Tropaeolum majus nanum) dually blocks the COX an LOX pathway in primary human immune cells. Phytomedicine 23 (6): 611-620 (2016)
35. Márton M.-R. et al. Determination of bioactive, free isothiocyanates from a glucosinolate-con-taining phytotherapeutic agent: A pilot study with in vitro models and human intervention. Fitot-erapia 85: 25-34 (2013)
36. Lee Y.M. et al. Benzyl isothiocyanate exhibits anti-inflammatory effects in murine macrophages and in mouse skin. J Mol Med 87 (12): 1251-1261 (2009)

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